Die Wiederentdeckung alter Reb-KulturenIm 20. Jahrhundert hat es geballt Umbrüche im Weinbau Deutschlands gegeben wie viele Hundert Jahre zuvor nicht. Das lag zunächst an klimatischen Veränderungen, aber auch am deutlich verbesserten Wissen um die Weinbereitung, die Geschmäcker entwickelten sich über viele Jahrzehnte unterschiedlich, und schließlich gab es durch die Globalisierung und Internationalisierung des Weinhandels eine Ergänzung des jeweils heimischen Rebsortenspiegels durch zunehmend gefragte Rebsorten aus dem Ausland.

Leidtragende dieser Umwälzungen waren und sind die angestammten, meist sehr alten Rebsorten, die seit Jahrhunderten angepflanzt und gehegt wurden. Einige von ihnen drohten ganz zu verschwinden und überlebten nur, weil der eine oder andere Winzer beharrlich seine alten Rebpflanzen bewahrte oder eine Rodung eines alten Rebgartens aus irgendwelchen Gründen ausblieb. Heute erleben wir bei manchen dieser zur Preziose gewordenen Rebsorten eine schrittweise Wiederentdeckung. Wir sehen in der Rebsortenvielfalt einen besonderen Reiz, freuen uns über Weine jenseits des Mainstream und geschmackliche Überraschungen, die unseren Weinhorizont sinnvoll erweitern.

In unserer 5teiligen Serie stellen wir Ihnen einst fast vergessene und nun wiederentdeckte, alte Rebsorten vor, die es verdient haben, geschätzt, bewahrt und geehrt zu werden.

Rebe Frühburgunder

Teil 1/5: der Frühburgunder
An einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr, doch zum Glück ist dieses dramatische Szenario in den 60er Jahren für den Frühburgunder, auch bekannt als Pinot Madeleine, nicht eingetreten. Zu dieser Zeit war die Anbaufläche auf gerade einmal 15 Hektar geschrumpft und die anspruchsvolle Rebsorte war kurz davor vollkommen zu verschwinden. Doch mit Selektionsmaßnahmen und einigen ehrgeizigen Winzern fand der Frühburgunder in den 70er Jahren zurück an die Lagen Deutschlands.

Der Frühburgunder ging aus einer natürlich Mutation des Blauen Spätburgunders hervor und wird auf einem Gebiet von nur 250 Hektar in Deutschland angebaut (im Vergleich dazu: Spätburgunder wird auf über 11.000 Hektar bewirtschaftet). Die größten Anbaugebiete befinden sich in Rheinhessen, in der Pfalz und an der Nahe sowie an der Ahr. Der Ertrag fällt aufgrund der kleinen Anbaufläche und der ebenfalls kleinen Beerengröße geringer aus als bei seinen verwandten Burgundersorten. Seinen Namen verdankt der Frühburgunder seiner etwa zwei Wochen früher als beim Spätburgunder einsetzender Reife.

Frühburgunder-Weine besitzen ein langes Lagerpotential und können weit über zehn Jahre überwintern, vor allem, wenn sie im Holzfass ausgebaut worden sind. Für seine Lagen bevorzugt der Frühburgunder kalksteinhaltige und leicht erwärmbare, wasserführende Böden in gemäßigten Klimazonen. Anfällig zeigt sich der Frühburgunder bei Blattrollkrankheiten. Auch seine Blütenfestigkeit ist eher eingeschränkt, wohingegen er sich gegen Winterfröste gut behaupten kann.

Da die meisten Aromastoffe von Weintrauben in der Schale sitzen, ist das Verhältnis von Inhaltsstoffen zu gegebener Masse wegen der kleinen Beeren verhältnismäßig hoch. Daher bringen die Trauben der Rebsorte Frühburgunder meist samtigere, körperreichere Weine hervor, die von Kirsch und dunklen Waldbeeren über würzige Aromen bis hin zu Mokka und Leder eine Fülle an Geschmackserlebnisse bietet. Die kleine Frühburgunder-Beere bringt einen erstaunlich kraftvollen, frischen Wein hervor, den die häufig helle Farbe nicht erwarten lässt.

2015 Wiltinger Braunfels Pinot Noir Précose - Weingut Rinke